Sophia Fritz „Samuels Sterne“

Preis der Literaturwoche Sommer 2013

Lange, rote Schlieren verschönern das Waschbecken, perlen zum Abguss hinunter.
Viel langsamer als Wasser. Blut ist dicker.
Es sind nur Striche und sie sehen fast so aus, wie der Kalender von Robinson
Crusoe als er auf seiner Insel gefangen war. Regelmäßig und gerade. Sie
zählen zwar keine Tage, sondern Wut und sie sind auch nicht gemeißelt, sondern
sorgfältig mit einem scharfen Rasiermesser gezogen worden. Aber auch
Samuel ist gefangen, selbst wenn er die Grenzen noch nicht abgesteckt hat.
Möglicherweise ist er auch nur verloren.
Die Stimme- der Schrei- in seinem Körper wird von den süßen Schmerzen
langsam erstickt. Endlich.
Samuel starrt auf die vier, fünf neuen- alten- Narben. Langsam beginnt der
Schmerz einzusetzen; er muss die Lippen zusammenpressen um nicht aufzukeuchen,
wünscht, er könnte sich für ein paar Sekunden irgendwo hinsetzen.
„Samuel? Bist du da drin?“ Tausend stumpfe Messer auf Styropor.
Sein Herz fühlt sich an als würde es sich von den verbundenen Organen losreißen
wollen, um sich dann grußlos zu verabschieden. Erneutes, forderndes
Klopfen.
„Lass mich alleine! Verpiss dich!“
Samuel weiß, dass sie trotz allem reinkommen wird. Sie lesen beide nur vom
Skript ab.
Er will sich anzünden, aber Maja kommt nicht, um ihm brennen zu sehen.
Neonfarbene Kreise tanzen im Raum, Samuel lehnt seine erhitzte Stirn an
das kühle Glas des Spiegels, rammt einmal,- zweimal den Schädel dagegen.
Splitter im Auge.
Nehmt euch in Acht vor den Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben.
„Ich komme jetzt rein!“
Ein Wort von ihr und die Welt erblindet.
Wenn Samuel an seine Schwester denkt, steigt ihm der Geruch von kaltem
Rauch und gedämpftem, staubigen Licht in die Nase. Glatte, dunkle Haare,
schwarz überschminkte Augen, Gesichtskonturen so hart, als hätte Gott ihre
Sommersprossen auf Leinwand gesprenkelt und dann über Metall gespannt.
Zahnlücken und abgekaute Fingernägel, Grübchen in blassen Wangen, eine
Narbe, seine Signatur auf ihrer rechten Gesichtshälfte, die sich von der Schläfe
bis zum Ohr zieht und von der er weiß, dass Maja sie vergessen möchte.
Seine Eroberung.
Jeder bekommt, was er verdient- nur Samuel nimmt sich heimlich mehr.
Die Tür fl iegt auf, und magere Liebe zieht an seinem Arm.
„Raus mit dir! Auf geht’s!“
„Ich habe nichts genommen!“
Maja lacht nur trocken auf. Aus ihrem Mund wachsen Stoßzähne, Tintenblau
trielt auf das teure Parkett.
„Bin ich denn die Einzige, die noch bei Verstand ist?!“
„Nichts bist du. Scheiß Masochist.“ Murmelt Samuel, versucht, ihr von hinten
in den Nacken zu beißen. Sie seufzt nur, zieht ihn vor sich, weint fast, Schweiß
auf nackter Haut.
Der Flur ist lang, vertraut, die Wände dehnen sich aus, Blut an der Hüfte,
Milchstraßen an dem rissigen Beton, er schwenkt die Arme hoch und wirbelt
sich im Kreis. Was kümmert ihn ein mickriger Ort, was kümmert ihn denn diese
bedauernswerte Welt, wenn sich das Universum persönlich vor ihm verbeugt?
„Maja! Siehst du die Sterne?“
„Geh in dein Zimmer, Samuel! Du stinkst. Ruh dich aus.“
„Sie sind auf dir!“
„Wo?“
„Auf deinem Handrücken!“
Auf ihrem Bauch.
In ihren Haaren. Zwischen den Schenkeln. Er tastet danach. Maja schreckt
vor seinen Lippen zurück, vor den Splittern des Spiegels, die immer noch in
Schläfe und Wange pieksen. Ein stummer Vorwurf in starren Nuttenaugen, als
wäre seine Haut aus Brennnesseln. Samuel reibt sich an ihrer Seele, küsst ihre
Haut aus Porzellan.
Rote Panik schimmert hinter der Netzhaut hervor.
Der Bass ihres inneren Widerstandes wummert ihm umso stärker entgegen,
je dichter ihre Körper zu einem großen verkleben.
Samuel hasst Maja.
Er brüllt seine Schwester aus dem Raum und der Bass verstummt schlagartig.
Ihr Körper bleibt bei ihm und sie schreien ins Kissen.
Ein loses Bündel Knochen windet sich aus seinen Armen und er wehrt sich nicht
dagegen. Maja geht immer erst, wenn er fertig ist. Lautlos steht sie auf, tastet
sich behutsam auf Zehenspitzen bis zum Türrahmen. Nackt, aufrecht, die knochigen
Schulterblätter zusammen gezogen, die Ahnung eines verachtenden Lächelns
auf ihrem ruhigen Gesicht, als sie es Samuel zum letzten Mal zuwendet.
Hier geht eine Frau, ohne sich im Türrahmen abzustützen.
Dort kauert ein ängstliches Herz hinter berauschten Augen.
Samuel stöhnt leise, dreht sich auf dem Sofa um und atmet die dumpfe Leere
in seinen offenen Bauch ein. Schwitzt den Rest der Sterne aus allen Poren.
Der Alptraum beginnt, und er ist alleine.
Es gibt viele Arten zu Sterben, nicht alle enden mit einer Beerdigung.

Sophia Fritz, 16 Jahre