Tristan Ludwig – „Dass alle Menschen darin verschwinden“

„Wenn die ganze Welt in Flammen steht, ist es Gott wenigstens nicht kalt.“

Ich glaube nicht an Gott. Auch nicht an die Welt. Höchstens vielleicht an die Flammen, so genau weiß ich das doch selber alles nicht. Trotzdem sage ich gerade diesen Satz, weil er irgendwie in die Situation passt, es geht ja sowieso mehr um das Gefühl dahinter als um die Worte davor. Meine Gedanken ekeln mich an, schon wieder verlieren sie sich in Kaskaden von Rechtfertigungen vor mir selbst. Ich muss mich nicht rechtfertigen, nicht vor einem Menschen und schon gar nicht vor meinem Gewissen. Ich trinke Hustensaft, obwohl ich nicht erkältet bin, und trage nur noch Gucci.
Es ist recht kühl auf der Parkbank, dass mag ich. Wärme ist mir zuwider, sie ist etwas was Menschen ausstrahlen, Normaltemperatur zwischen 36 und 37 Grad Celsius, das muss man sich einmal überlegen: Das ist heißer als ein sehr heißer Sommertag, wenigstens hier, in meiner Mittelstadt in der Mitte von Baden-Württemberg, ein Mensch, der heißer ist als ein Sommertag, der schon so heiß ist, dass man lieber drinnen bleibt und die Klimaanlage anschaltet, das ist doch wirklich abnormal, unglaublich ekelerregend. Neben mir sitzt Gudrun, sie trägt einen Supreme-Sweater, und Andreas, er hat einen Pulli von Stone Island an. Natürlich sind das nur Decknamen. Ich bin Holger, weil ich mich geweigert habe, Ulrike zu sein, ich bin ja ein Junge – eigentlich schon ein Mann, es fällt mir nur immer noch schwer, dass so zu formulieren – und außerdem gefällt mir das, „Der Kampf geht weiter“, als ob es je irgendeinen Kampf gegeben hätte, dessen Bedeutung mehr gewesen wäre, als Spaß daran zu haben, dass es Bumm macht und dass das Blut so lustig spritzt aus der angestochenen Bauchdecke, oder irgendein Ideal, das zu etwas anderem gut wäre als Vorlage zu sein für metaironische Memepages. Die Nacht ist vielleicht schön, aber sinnlos, weil am Ende die Sonne aufgeht.
„Wir brauchen jetzt auch mal ein Ergebnis, einen konkreten Plan für eine Aktion“, Andreas Gesicht scheint fast ein wenig von innen heraus zu leuchten unter der stromsparenden und ultrahellen LED-Straßenlampe, durch die die Stadtverwaltung seit einiger Zeit die alten, gelblich-flackernden Laternen ersetzt, „das ist ja alles ganz nett, die Sachen, die wir hier so reden, aber am Ende wollen wir Terroristen sein, und dann müssen wir auch mal Terror machen.“ Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie wir, wenn es wirklich um etwas geht, in die Sprache zurückfallen, die schon vor uns da war, wie auf einmal alles Neue verschwindet, und wir die gleichen Gespräche führen, die schon vor vierzig Jahren in den konspirativen Wohnungen der verschimmelten BRD geführt worden sind. Ich werde wirklich wütend davon, wie sich alles im Kreis dreht, wie ein anderes Leben gar nicht möglich ist, als das, das uns von uns selbst vorgelebt wird. Für einen kurzen Moment will ich aufspringen und mit den Armen fuchteln und schreien, aber auch das haben schon so viele vor mir gemacht, darum zucke ich nur leicht mit den Schultern und lächle ein bisschen, ich fühle mich dabei wirklich dümmlich. Es ist so ermüdend, dass meine Gedanken nur in mir sind und nicht in all den anderen.

Wir sind also Terroristen. Nicht so wie irgendwelche Nazis oder Islamisten, auch nicht wie die RAF, obwohl die schon Style hatte, daher die Sache mit den Decknamen, aber ideologisch gibt es keine Verbindungen. Unser einziges Ideal ist der Terror, der reine Schrecken, wir sind da zumindest ehrlich. Wir machen das auch alles nicht – beziehungsweise wollen es machen, so richtig angefangen mit dem Terror haben wir ja noch gar nicht – weil wir Spaß haben an Mord und Gewalt, wenigstens nicht mehr, als es ein ganz normaler Mensch hat.

Gudrun zündet sich jetzt eine Zigarette an, sie nimmt ein paar Züge, dann drückt sie sie an ihrem Handrücken aus und lacht. Selbstverletzung ist für uns auch bloß ein Statement. „Wir müssen die Zwischenräume treffen“, ich sprechen nur, weil es in meiner Sozialisation begründet liegt, ein Gespräch am Laufen zu halten. Es ist beängstigend sich zu überlegen, wie viel Prozent der Dinge, die ich im Laufe meines Lebens gesagt habe, einzig gesagt worden sind, weil die Stille so unerträglich ist. Die anderen sehen mich verständnislos an, ich werde das wohl erklären müssen, ich hätte schweigen sollen. „Warum machen wir das den eigentlich?“, es ist immer besser, den anderen die Initiative zu überlassen, bei aller Kompromisslosigkeit des eigenen Lebensentwurfes braucht man doch immer eine Lücke, durch die man davonschlüpfen kann. Mit „man“ meine ich natürlich mich, und ein weiteres Mal verabscheue ich meine Gedanken.

Ein Windstoß weht das Laub, das tagsüber von den Parkangestellten an den Seiten des Weges aufgetürmt worden war, freundlicherweise zurück auf diesen, sodass ihr Anstellungsverhältnis weiterhin gesichert bleiben wird. Gudrun und Andreas wissen offensichtlich nicht, was sie antworten sollen. Je länger man ihre Gesichter betrachtet, desto hässlicher werden sie, unter der oberflächlichen Schicht von Instagram-Schönheit liegt das Ergebnis von Selbstzweifeln, Drogenmissbrauch und Internetkonsum verborgen, das sich besonders in solchen Momenten Bahn bricht und die Mienen zu grauen Masken erstarren lässt. Jegliche Selbstironie hat sich verflüchtigt, es lässt mich beinahe glauben, wir sind nur Freunde, weil wir zusammen so wenig Spaß haben können. „Das ist halt einfach nice“, Andreas sagt nun also doch etwas, seine Stimme ist dabei viel zu fest, sodass sie schon nicht mehr entspannt und selbstbewusst wirkt, sondern eher verkrampf, leicht unsicher sogar, „Wenn dann bei Spiegel Online die Berichte kommen über die Mittelstandskinder,  die  Lean  trinken  und  Leute  in  die  Luft sprengen, und dann da unsere Bilder sind und sie unsere Nachbarn im Hausflur interviewen und die dann sagen, dass wir immer nett gegrüßt haben und nur manchmal die Musik zu laut war und unsere Klamotten auch seltsam, na ja, ich weiß eigentlich gar nicht, was das dann ist, irgendwie halt gut. Vielleicht sind wir dann tot, aber das ist eigentlich egal, weil wir werden dann ein Meme sein.“ Ich antworte ihm bloß mit einem „Genau“, er hat gar nichts verstanden, letztendlich ist das egal. Gudrun beginnt etwas von Plastiksprengstoff zu erzählen, ich höre eigentlich nicht mehr zu. Die Blätter wirbeln durch die Luft, und meine Gedanken folgen ihnen, sie taumeln hinterher, so völlig ziellos und zufallsbestimmt, braune, zerfressene Blätter, die nicht einmal anmutig sind.

Ich sehe uns jetzt von oben da sitzen, drei hagere Menschen, die Kleidung viel zu teuer, die Abstände zwischen ihnen so weit, wie es die Bank nur zulässt. Was ist nur aus uns geworden, will ich denken, bis ich bemerke, dass wir eigentlich nie anders waren. Und es wird mir ganz erschreckend klar, dass wir auch nie anders sein werden. Ganz egal, was wir auch tun, zwischen uns bleibt immer ein Trennstrich, wie nah wir uns auch kommen, unsere Haut bildet die Linie, die dafür sorgt, das wir nie wirklich eins miteinander werden können, nie verstehen können, was der andere da neben mir eigentlich meint, dass wir in unserem Kopf für immer allein gefangen sind. Und sogar mit mir selbst kann ich nicht identisch sein, ich kann gar nicht immer das Gleiche tun und denken und sagen und sogar zwischen meinen einzelnen Gedanken sind noch Räume und Unterschiede, die zusammenfließen und auseinanderreißen wie dickflüssiges Magma. Zwischen allen Dingen auf der Welt klaffen Spalten, die man gar nicht überwinden kann, die ich gar nicht überwinden kann. Es steht mir das alles so klar vor Augen, wie noch nie, ich zittere, das ist egal, ich weiß es jetzt, weiß jetzt, dass alles, was ich je getan habe, alles, was ich je versucht habe, nur dazu da war, diese Spalten aufzufüllen, weiß jetzt, wie falsch das war, weiß jetzt, was ich zu tun habe, nämlich die Spalten immer weiter aufreißen, bis alle Menschen darin verschwinden und am Ende alles in der Welt so unklar ist, wie in mir. Und dann erinnere ich mich wieder an meine Freunde, die hier neben mir sitzen, dass sie die einzigen Menschen sind, die ich kenne, die mich vielleicht ein wenig verstehen. Und dann denke ich daran, was jetzt das Unklarste und Unlogischste wäre, was die größte mögliche Differenz wäre zwischen dieser Tatsache und meinem Handeln, und dann ziehe ich mein Springmesser aus der Hosentasche und steche erst Gudrun ab und dann Andreas. Ich nehme überhaupt nicht wahr, wie Gudrun schreit und wimmert oder wie sich Andreas 300-Euro-Pullover langsam mit Blut vollsaugt, ich blicke nicht zurück, bis kein Licht mehr um mich ist. Dann bleibe ich stehen, atme eine Weile, ich habe keine Ahnung, was ich als nächstes machen werde, aber irgendetwas wird sich schon ergeben.

 

– Tristan Ludwig / 17 Jahre, Mannheim